von Katrin Männel*
Mein Name ist Frau Mustermann. Mit 15 fingen meine Beine an, sich zu verändern. Um die Hüften herum wurde ich immer runder und runder. Ich verordnete mir eine strenge Diät und hoffte, dass sich damit das Problem von alleine erledigen würde. Ich nahm überall ab, nur nicht an den Beinen/ Hüften. Nach dem ich mehrere Diäten erfolglos durchgeführt hatte, die Hüften aber unbeeindruckt von diesen Versuchen waren, wurde mein Frust immer größer und ich verfiel in eine depressive Phase. Erst 10 Jahre später half mir ein Arzt weiter.
Seine Diagnose: Lipödem.
So oder ähnlich erzählen die Patientinnen ihre Geschichte, wenn sie das erste Mal bei uns zur Behandlung sind.
Wir sehen immer mehr Patientinnen mit einem Lipödem und deshalb stellt sich die Frage, was ist ein Lipödem?
Das Lipödem ist eine chronische Funktions- und Verteilungsstörung des unter der Haut liegenden Fettgewebes, vorwiegend an den Beinen, selten auch an den Armen.
Es betrifft fast ausschließlich Frauen. Die ersten Anzeichen treten bereits in der Pubertät oder während der Schwangerschaft auf. Die genaue Ursache des Lipödems ist unklar.
Man vermutet neben hormonellen Einflüssen auch eine genetische Vorbelastung, da häufig mehrere Mitglieder einer Familie betroffen sind.
Erscheinungsbild des Lipödems:
Die Verteilungsstörung zeigt sich an einem Missverhältnis von Stammfett zu Extremitätenfett. Bei den meisten Patientinnen sieht man eine deutliche Diskrepanz zwischen schmalem Oberkörper und verhältnismäßig kräftigem Unterkörper.
Reicht die Fettverteilung bis zu den Knien spricht man von einer Reithose, bis zu den Knöcheln, spricht man von einer Pumphose.
Ganz typisch ist auch, dass die Füße, von den Knöcheln abwärts, nicht betroffen sind.
Die Fettpolster treten immer symmetrisch an den Beinen auf.
Es besteht eine erhöhte Gefäßdurchlässigkeit und Gefäßbrüchigkeit, welche zum einen die Folge hat, dass die Beine im Laufe des Tages immer dicker und bis zu 3 kg schwerer werden. Dies kann unbehandelt auch das Lymphgefäßsystem belasten. Das Lymphgefäßsystem ist für den Abtransport des überschüssigen Gewebswassers zuständig, sozusagen die ≥Kanalisation„ der Haut und Organe.
Zum anderen kommt es bereits bei kleinsten Verletzungen zu Blutergüssen.
Die Betroffenen klagen über starke Berührungs- und Schmerzempfindlichkeit in diesen Bereichen. Dies kann sogar soweit gehen, dass bereits das Tragen eines Rockes oder einer Hose zu unerträglichen Schmerzen führt.
Stadien eines Lipödems:
Stadium 1: ≥Orangenhaut„ feinknotige Hautoberfläche
Stadium 2: ≥Matratzenhaut„ grobknotige Hautoberfläche mit größeren Dellen
Stadium 3: grobe deformierende Hautlappen
Die meisten Patientinnen haben bereits unzählige Diäten und Abmagerungskuren hinter sich um ihre Beinform zu ändern. Da es sich jedoch um ein ≥krankhafte„ Veränderung des Fettgewebes handelt, haben sämtliche Diäten keinen Einfluss auf das Beschwerdebild.
Es entwickelt sich unabhängig von den Essgewohnheiten der Patientinnen.
Der Leidensdruck ist sehr groß, schließlich gibt es sehr viele Vorurteile gegenüber den Betroffenen. Häufig werden die angeschwollenen, reithosenartigen Beine, selten auch Arme, von Unwissenden als ≥Fett„ betrachtet. Die betroffenen Frauen leiden unter psychischen Belastungen, oft auch starken Depressionen.
Komplikationen:
Bleibt ein Lipödem über mehrere Jahre unbehandelt, kann sich aufgrund der stetig anhaltenden Überlastung der Gefäße eine Schädigung des Lymphgefäßsystems entwickeln.
Man spricht dann von einem Lipolymphödem. Erkennbar wird die Schädigung, wenn die Füße und Zehen anschwellen und das ehemals sehr weiche Gewebe zunehmend verhärtet.
Therapie:
Grundsätzlich ist die Therapie des Lipödems konservativ. Wir empfehlen eine kombinierte Therapie aus:
- Manueller Lymphdrainage nach Dr. Vodder mit anschließender Hautpflege
- Kompression Bandagierung und/oder alternativ Kompressionsbestrumpfung
- Bewegung
Betroffene Patienten mit Übergewicht sollten versuchen, ihr Körpergewicht auf einen
Body Maß Index (BMI) zwischen 19 und 25 einzustellen, da Lipödem + Übergewicht laut Prof. Weissleder i m m e r zum Lymphödem führt.
Der BMI errechnet sich wie folgt:
BM I = Körpergewicht : (Körpergröße im Metern)”
Durch Medikamente und Salben sind Lipödeme nicht heilbar.
Bewegung ist sinnvoll und effektiv, jedoch immer mit Kompression. Besonders empfehlenswert sind Sportarten wie Nordic Walking, Walking, Aquafitness.
Überanstrengungen sollten aber auf jeden Fall vermieden werden.
In der Praxis zeigt sich, dass sich Gewichtsreduktion in Verbindung mit Sport (mit Kompression!) durchaus positiv auswirkt.
Vom Fitnesstraining im Sinne eines Muskelaufbautrainings (speziell an den Beinen) wird eher abgeraten, da dies zur Verstärkung der Dysproportion führt.
Operative Eingriffe, Fettabsaugungen, sind möglich, aber nach wie vor umstritten und nicht für alle Patienten möglich oder geeignet. Falls man sich für eine Fettabsaugung entscheidet, sollte man unbedingt einen oder mehrere Fachärzte konsultieren.
Zusammenfassung:
Das Lipödem ist eine Krankheit, die aufgrund von Unkenntnis häufig falsch behandelt wird.
Insbesondere Diäten werden wegen des starken Leidendrucks von fast allen Patientinnen durchgeführt, bewirken aber das Gegenteil.
Umfangsreduktion am Stamm betont die Diskrepanz zur unteren Körperhälfte.
Medikamente wie Abführmittel oder Diuretika (Wassertabletten) bleiben wirkungslos.
Ziel der konservativen Behandlung ist die Ödembeseitigung.
Die Therapie richtet sich nach den jeweiligen Stadien und ist unbedingt vorher mit einem qualifizierten Arzt abzusprechen. Immer kommt dabei die Manuelle Lymphdrainage nach Dr. Vodder und die daran anschliessende Bandagierung zur Anwendung.
Gerne können Sie Anregungen oder Fragen an folgende e mail Adresse senden :
office@wittlinger-therapiezentrum.com Betreff: Lipödem
* Katrin Männel ist Physiotherapeutin und Manuelle Lymphdrainage Fachlehrerin (in Ausbildung) im Wittlinger Therapiezentrum in Walchsee
Quellenangaben sind bei der Verfasserin erhältlich.
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