Irrwege zur Lymphödem-Behandlung

1983: Der Auftakt
Der Sommer 1983 war ein Supersommer so wie der von 2003, ich hatte meinen ersten Job, ein Ferialpraktikum in einem Restaurant - glühende Hitze in der Innenstadt und ich den ganzen Tag auf den Beinen, auch wenn grad nichts zu tun war, denn Hinsetzen war streng verboten. Dass meine Beine anschwollen, hat mich unter den Bedingungen nicht weiter gewundert ˆ dass die Schwellung im Herbst in der Schule wiederkam und auch nicht mehr so leicht weg ging, war schon eine andere Geschichte.
Der erste von vielen Ärzten
Von dem konsultierten Orthopäden bekam ich ein stinkendes Schwefelfußbad und im Hinausgehen den Kommentar: ≥Wenn ich Sie noch einmal in solchen Schuhen sehen, schmeiss ich sie Ihnen an den Kopf!„ Die Schuhe waren die einzigen die mir noch paßten, Pumps mit ca. 2 cm Absatz. Und wiedergesehen hat mich der charmante Herr mit und ohne Schuhe nie mehr.
Mit vielen Ortswechseln folgten viele Ärzte, einer zog mit Spritzen ≠Wasser‚ aus meinen Unterschenkel, die meisten waren etwas ratlos. Wenn zum wiederholten Male abgeklärt war, dass die Schwellung nicht an einer Venenschwäche lag, fiel zwar vielleicht schon das Wort ≥Lymphödem„ aber danach auch gleich das Wort ≠Gummistrümpfe„ und davon wollte ich definitiv nichts hören.
1996: Endlich Besserung!
Ein Urlaub in Griechenland und täglich drei Stunden Feldenkrais-Übungen brachten nach zehn Jahren Erstaunliches zu Wege, aber wer hat schon im Alltag Zeit für drei Stunden Feldenkrais? Also gab‚s regelmäßig mal ein Feldenkrais-Wochenende, das tat nicht nur den Beinen gut, war aber leider nicht wirklich viel und mit einem neuen, anstrengenden Job wurde die Zeit auch dafür knapp.
2003: Es kommt noch dicker!
Und dann kam der Sommer 2003. Meine Beinen schienen zu platzen, je dicker sie wurden, desto weniger paßte ich auch in irgendwelche Schuhe, die Motivation sich mit dick geschwollenen, rot angelaufenen Beinen da draußen zwischen rehbeinigen Frauen in kurzen Röckchen und hochhakigen Schuhen zu bewegen, war denkbar niedrig, also gab‚s immer noch weniger Bewegung, was das Problem in keiner Weise verringerte.
Kein einziger Schuh war mehr bequem, alle scheuerten die Füsse wund - was ein Erisypel ist und wie man sowas bekommt, hatte mir noch nie jemand gesagt, aber das sollte noch kommen. Im Herbsturlaub stieß ich mit dem Zeh gegen ein Hindernis, unter dem Nagel bildete sich Eiter. Ein netter Arzt zog den Nagel, gab mir nebenbei ein paar nützliche Tipps zur Ernährung nach den Erkenntnissen der Traditionellen Chinesischen Medizin und ich humpelte eine Woche lang in Turnschuhen zur Arbeit.
Hilft denn irgendwas wirklich?
Inzwischen war mir klar, dass ich endlich etwas Wirksames finden mußte, aber allein schon jemanden zu finden, der die von meiner Hausärztin verordneten Lymphdrainagen außerhalb meiner Arbeitszeit durchführen konnte, war schwierig und der Erfolg begeisterte mich nicht wirklich.
Und dann lernte ich, was ein Erisypel ist: eine Infektion, die häufig bei Lymphödemen auftritt, Risikofaktoren ein Trauma wie z. B. die Entfernung eines Zehennagels, die durch die mangelnde Versorgung geschädigte Haut, zu heisses Wasser beim Baden...
Endlich!
Doch zum Glück hatte meine Hausärztin kurz zuvor einen Artikel zum Thema in einer Fachzeitschrift gelesen und zum Glück war der Verfasser dieses Artikels ganz in der Nähe, in der Lymphangiologie des Krankenhauses Freising. Ich bekam eine Kopie des Artikels mit recht anschaulichen, abschreckenden Fotos von Lymphödemen und hatte in vierzehn Tagen strenger Bettruhe genug Muße, um mich gedanklich mit Entstauungstherapie auseinander zu setzen und den verhaßten ≠Gummistrümpfen‚ anzunähern.
Krankenhaus
Trotzdem war ich noch äußerst mißtrauisch, als ich schließlich im Krankenhaus Freising vorstellig wurde, aber es war eine Offenbarung: endlich ein Arzt, der wußte, was los war, der Fragen stellte und Vorschläge hatte ˆ nicht ≥Sie müssen ständig bis an Ihr Lebensende Kompressionsstrümpfe tragen. Punkt. Schluss.„, sondern ≥Sie müssen schauen, wie‚s Ihnen gut geht, ob Sie vielleicht mal zwei Wochen keine Lust auf Lymphdrainagen haben oder zu bestimmten Zeiten doch mehr brauchen, ob Sie die Strümpfe zum Sport tragen und danach auch mal weglassen...„ und er gab mir endlich den entscheidenden Hinweis, auf welche Ausbildung ich bei der Suche nach Lymphdrainage achten sollte.
Es wirkt!

Die zwei Wochen stationärer Entstauungstherapie, die er mir anbot, kamen mir allerdings übertrieben vor. Ich hatte keine Vorstellung davon, dass diese Therapie nach all den Jahren tatsächlich so unglaublich viel aus meinen Beinen herausbringen könnte, ließ mich aber, immer noch sehr misstrauisch, auf einige Tage ambulante Lymphdrainage mit anschließendem Wickeln und die Anpassung von Kompressionstrümpfen ein. Der Erfolg war durchschlagend ˆ ich konnte es kaum glauben, als die anfangs so engen Strümpfe schon nach wenigen Tagen zu rutschen anfingen, weil die Beine wieder dünner geworden waren. Es zeigte sich aber auch, dass die Prozedur anstrengend und neben der Arbeit viel zu langwierig war.
Es dauerte Monate, meine (damals noch deutsche) Krankenkasse doch noch zur Übernahme der Kosten für eine stationäre Aufnahme in Freising zu überzeugen, aber es hat sich gelohnt! Neben der Tatsache, dass noch einiges ≠Wasser‚ weggegangen ist, haben mir diese zwei Wochen im Krankenhaus vor allem zwei Dinge gezeigt:
- Sport, ohne große Anstrengung, im Wasser oder mit Kompressionsstrümpfen, macht Spaß, tut unheimlich gut und bringt eine ganze Menge bei der Entstauung
- Zu Wissen, wie man sich selbst bandagieren oder lymphen kann und was es sonst noch im Umgang mit dem Lymphödem zu beachten gibt, macht selbständiger und sicherer
Mit dem Lymphödem leben statt es zu ignorieren
Nach über einem Jahr des Suchens und Ausprobierens bin ich nun an einem Punkt, wo sich zwar Einiges in meinem Leben geändert hat, wo ich auf einige liebe Annehmlichkeiten wie Saunabesuche oder Sonnenbäder verzichten muss (apropos Frühling: kurze Kleidchen mit Kompressionsstrümpfen schauen leider auch nicht sexy aus), aber die Lebensqualität hat sich entscheidend verbessert!
Übrigens: wenn jener Orthopäde mir damals vor zwanzig Jahren erklärt hätte, warum er mir meine Lieblingsschuhe nachschmeissen wollte und was ich statt dessen tragen und worauf ich achten sollte, dann hätte ich mir ziemlich viele schlechte Erfahrungen erspart ˆ aber was soll‚s, ich hoffe, wir können mit der Lymphliga vielen ≠Neupatienten‚ derartige Irrwege ersparen und zu rascher, kompetenter Hilfe beitragen!
Heidi Hirtenlehner
München, im Oktober 2004
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